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BIKE Afrika 2013 / 2014

4. Expeditionsbericht: Auf den Spuren der letzten Berglandgorillas unserer Erde

Auf dem Fahrrad durch Afrika zu fahren ist in vielerlei Hinsicht eine wirkliche Herausforderung und sicher auch jene Methode, dem Kontinent am nächsten zu kommen. Dieses Gefühl habe ich zumindest aufgrund der tausend "Musungu" Rufe der Einheimischen, von denen ich Tag für Tag begleitet werde. Aber auch die unmittelbare Nähe zur wilden Tierwelt, welcher ich hier im Osten von Uganda immer mehr begegne, zeigt mir, dass ein Radfahrer intensiver dran ist am Puls des Schwarzen Kontinents. Die meisten Touristen brausen in Bussen, in Jeeps oder auf ihren Motorrädern vorbei am Geschehen und Eilen von einem Highlight zum nächsten. Ich hingegen finde, mit dem Drahtesel ein Land zu erkunden, ist die beste Art dieses Land wirklich zu entdecken.

Manchmal kann aber diese damit verbundene, unvermeidliche Nähe zum Land selbst, dank aufdringlicher Kinder, auch lästig werden oder gar gefährlich, wenn beispielsweise plötzlich ein 4 m großer Elefantenbulle die Vorfahrt für sich beansprucht. Im schützenden Auto sitzend ist dies wahrscheinlich ein Erlebnis, doch mit nichts zwischen mir und dem grauen Riesen als Luft, rutscht mir das Herz bis in die Zehenspitzen. Geistesgegenwärtig zücke ich noch schnell meine Kamera, um halb fotografierend und mich gleichzeitig in Sicherheit bringend noch ein paar Bilder zu schießen.

Nach wenigen Minuten, der Dickhäuter ist schon längst im Unterholz der anderen Straßenseite verschwunden, realisiere ich was gerade geschah. "Was war das den jetzt", sage ich zu mir selbst und rufe meine Freundin Mary übers Handy an (ich hatte wie durch Zufall gerade Empfang), um ihr noch ganz aufgeregt zu schildern, dass vor mir gerade ein wilder Elefantenbulle über die Straße gelaufen ist. "Ich kann jetzt aber auch nicht länger reden, denn gleich kommen noch ein paar Büffel hinterher", beende ich dann das Gespräch. Ich muss mich jetzt aus der Gefahrenzone bringen, denn kein Tier in Afrika ist gefährlicher als ein aufgebrachter Büffel. Diesem Herdentier fallen mehr Menschen zum Opfer als einem Nilpferd oder einem Löwen. Ich bin jetzt mittendrin im Wilden Afrika und durchquere den gesamten Queen Elizabeth Nationalpark auf staubiger Dreckpiste. Ich sehe Nilpferde, Krokodile, Büffel, Antilopen, Gazellen, viele Vogelarten und auch Elefantenherden, welche mehrfach meinen Weg kreuzen. So habe ich schnell gelernt, mit dieser doch beängstigenden, aber großartigen Situation umzugehen. Ich bleibe einfach in 50 m bis 100 m Abstand stehen und warte bis diese sanftmütigen und sehr intelligenten grauen Riesen wieder verschwunden sind. Löwen habe ich keine gesehen, aber darauf bin ich auch nicht wirklich scharf gewesen, nach meinen eindrücklichen Erfahrungen am Mount Kenia.

Ich fahre 350 km auf kleinen, teilweise idyllischen, aber auch sehr bergigen Dreckstraßen bis zu meinem eigentlichen Ziel, den Berggorillas des Bwindi Nationalparks. Hier kann man fast die Hälfte der weltweit noch existierenden Gorillas besuchen. Die restlichen Tiere, welche der Ausrottung entgingen, leben in den Virunga Bergen des Dreiländerecks Uganda, Ruanda und Kongo. Es werden nur begrenzt Genehmigungen für den Besuch bei den Berggorillas ausgegeben und teilweise gibt es lange Schlangen an Touristenströmen, welche mit dem Besuch dieser größten Primatenart ihren Urlaub krönen wollen. Ich bin nun einer von ihnen, da es keine andere Möglichkeit gibt, diese tolle Erfahrung zu machen. Der Lebensraum der Berggorillas ist dank radikaler Abholzung so klein geworden, dass diese letzten Tiere ihrer Gattung wie auf grünen Inseln, umgeben von staubigen, trostlosem Farmland, existieren. Es gibt keine Möglichkeit für diese Tiere außerhalb der Parks zu leben, diese Option wurde ihnen schon vor langer Zeit genommen. So fristen sie ihr Dasein nun überwacht, gezählt und vermarktet in diesen letzten Schutzgebieten.

Der Bwindi Nationalpark ist 331 km groß und liegt zwischen 1.150 m - 2.600 m Höhe, welche auch ich mit meinem Rad fast erreiche, denn die schönsten 15 km meiner ganzen Radreise führen mich über einen 2.590 m hohen Pass in Richtung Ruhija. An den steilen Anstiegen des Parks bin ich froh, meinen Hänger mit der gesamten Kletterausrüstung in Kabale gelassen zu haben. Ich genieße dennoch jeden Meter unter dem grünen Blätterdach dieses Regenwaldes und denke immer daran, dass ich nun in der Heimat der letzten Berggorillas unserer Erde angekommen bin.

8:00 Uhr früh am nächsten Morgen stehen etwa 22 Touristen, mich eingeschlossen, an einem Rangerposten, um über die Regeln im Umgang mit den Tieren aufgeklärt zu werden. Dann werden wir auf 3 Gruppen aufgeteilt und da ich wohl einen sehr sportlichen Eindruck mache, werde ich der am weitesten entfernten Bitukura Gruppe zugeordnet. Gemeinsam mit 3 Schweden und 2 Amerikanern streife ich ca. 2 Stunden durch das fast undurchdringliche Dickicht des Nationalparks auf der Suche nach der 19 Gorilla starken Gruppe Bitukura, welche seltener Weise von 3 Silberrücken bewacht wird. Wir nutzen Pfade der kleineren Waldelefanten, um uns durch das Gestrüpp zu kämpfen. Begleitet werden wir von drei Wildhütern von denen zwei zum Schutz unserer Truppe mit Gewehren bewaffnet sind.

Dann endlich ist es soweit, es wird ganz still und links von mir bewegt sich etwas großes Schwarzes durch den dichten Bambus. Wenige Sekunden darauf knackt es rechts von uns und aus dem Blätterdach fallen abgebrochene Äste und halbverspeiste Früchte zu Boden. Ja, nun sind wir unter den Gorillas, direkt inmitten der Bitukura Gruppe, umgeben von 19 Berggorillas, den letzten von 800 die es heute noch gibt. Wir haben jetzt eine Stunde lang die Möglichkeit, um diese einmalige Erfahrung in uns aufzusaugen. Nach dieser viel zu kurzen Zeit müssen wir schweren Herzens die Gorillagruppe wieder verlassen, damit sie sich nicht zu sehr an Menschen gewöhnen. Oder auf gut deutsch, damit wir ihre Geduld mit unserer Gafferei nicht all zu sehr strapazieren. Doch bis es soweit ist werden wir von diesen einmaligen und sehr sozialen Tieren in ihrer Mitte akzeptiert. Es ist mir nur schwer möglich, im Nachhinein meine Emotionen in Worte zu fassen. In weniger als drei Meter Entfernung schält sich der größte der drei Silberrücken aus dem dichten Grün und kauert sich vor uns auf den Boden, als würde er sagen wollen: "Na wie geht es?". Die Silberrücken sind die ca. 200 kg schweren, ausgewachsenen Männchen, welche den Namen ihrem grau /silbernen Rückenfell verdanken. Wenn ich mir diesen Anführer der Gruppe betrachte, sehe ich Sanftmut und Herzlichkeit, gepaart mit unglaublicher Kraft und Energie. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man ein solches stattliches Lebewesen abschlachten kann, um sich selber daran zu bereichern!

Fast zum Greifen nahe klettert eine Gorilladame mit ihrem zwei Monate alten Sprössling den steilen Hang hinauf, um sich erneut fressend niederzulassen. Damit verbringen sie auch die meiste Zeit des Tages und wenn sie nach ca. 1 km Auslauf am Tag ihr Nachtlager einrichten, haben sie die Hälfte des Tages nur mit der Nahrungsaufnahme verbracht. Ein ausgewachsener Silberrücken kann unglaubliche 25 kg Grünes am Tag vertilgen.

Die einfache Zufriedenheit, welche diese Tiere ausstrahlen bringt auch mich zum Nachdenken, über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens. Eigentlich braucht man nicht viel um glücklich zu sein, Gesundheit, eine Familie, einen Platz zum Leben und etwas zu Essen. All die anderen Dinge von denen wir tagtäglich umgeben sind, von denen wir annehmen sie dringend zu brauchen, machen uns zur Geisel unserer selbst. In dieser Hinsicht haben die Gorillas uns Menschen etwas voraus und mit Sicherheit sind sie sogar die weiseren und intelligenteren Lebewesen. Dies wird mir ein paar Tage später umso mehr bewusst, als ich in Kigali, der Hauptstadt Ruandas, das Genozid Memorial Museum betrete. Die schönen Momente mit den einfühlsamen Berggorillas liegen nun leider hinter mir und vor mir liegen das Werk und die Gräueltaten der Menschen meiner eigenen Rasse. Ich stehe fassungslos an einem Massengrab wo 250.000 Tutsis beigesetzt wurden, Opfer des 100 Tage andauernden Massakers von 1994 zwischen Hutus und Tutsis. Den damaligen Rassenkonflikten der beiden größten Stammesgruppen fielen in dem kleinen Land Ruanda in knapp drei Monaten 1.000.000 Tutsis und Hutus zum Opfer. Mit welcher erbarmungslosen Grausamkeit sich Familienmitglieder, Nachbarn und Freunde grundlos abschlachteten treibt mir die Tränen in die Augen. Dieses Mal sind es aber keine Freudentränen, sondern Tränen der Traurigkeit das selbst Babys, Kinder schwangere Frauen oder alte Menschen diesem Schwachsinn zum Opfer fielen. Im Museum wird aber auch über andere menschliche Gräueltaten aufgeklärt, welche in der kurzen Menschheitsgeschichte weltweit stattfanden.

Genau hier unterscheiden wir uns von den Gorillas wohl am meisten. Laut Wissenschaftlern ähneln Gorillas uns Menschen zu 99,4 %. Jeder kann sich jetzt hier selbst einmal die Frage beantworten, welche Art wohl intelligenter und weiser ist?

In wenigen Tagen fliege ich zurück nach Deutschland und freue mich schon sehr auf meine Familie und die "kalte" Heimat. Ich nehme aber auch das "warme" Afrika im Herzen mit nach Hause. Mit ein paar unvergesslichen Momenten im Amboseli Nationalpark, am Fuße des Mount Kilimandscharo kröne ich meine Reise. Ich musste unbedingt noch einmal zurück zum höchsten Berg Afrikas, welcher mir bis zum Schluss meiner Besteigung in seiner Vollkommenheit leider verborgen blieb, um seine Stattlichkeit mit eigenen Augen zu sehen. Die überwältigende Anzahl an wilden Tieren im 1.150 m hoch gelegenen Amboseli Nationalpark bildet den perfekten Rahmen um diesen 5.895 m hohen Berggiganten. Aber auch der Mount Kenia und der Mount Stanley (Ruwenzori) haben bei mir einen mehr als positiven Eindruck hinterlassen. Kaum zu glauben, dass meine Zeit hier in Afrika nun schon wieder um ist. Ja, ich habe es geschafft. Ich komme nach Hause und egal wie viele Jahre auch vergehen werden, was bleibt sind unzählige Bilder, Filme, sowie die Erinnerungen an - "Eine Reise zu den höchsten Bergen des Schwarzen Kontinents"

Euer Gil
Afrika, 06.02.2014





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